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Caesarea Marit. (Samaria)
a0318 - Traianus
(IMP CAES NER TRAIANO OP AUG GER DAC..)
Kopf belorbeert rechts
(C I F AUG CAES)
Tempel, 4-s., Balustrade, Tyche, (sog. syrischer Bogen)
AE | 29 mm | 24.20 g | 12 h Sofaer 21, RPC 3954.1-19, BMC 39ff, SNG ANS 761, Kadman 22, Lindgren III.1491, Rosenb. 19, AUB 9
114/5 n.Chr. (Kadman, 1957, S.40).

Rs.Legende: Colonia I (Prima) Flavia Augusta Caesarea.

4-säuliger korinthischer Tempel mit eng zusammenstehenden Säulenpaaren und weitem mittleren Säulenzwischenraum ohne erkennbaren Unterbau (Stylobat *). Den Säulenpaaren bds. liegen Epistyle auf, bestehend jeweils aus einer distalen strichförmigen und aus einer darüber liegenden balkenartigen Lage; die Balken sind durch einen weiten flachen Segmentbogen verbunden. Darüber spannt sich in identischer Krümmung ein zweiter massiver Segmentbogen von einem Epistylende zum anderen, wie auf besser zentrierten Münzen zu sehen ist. Im Innern steht die Stadtgöttin mit einer Büste (des Kaisers, so Ringel S.156) in der rechten Hand, den rechten Fuß auf Prora und mit der Linken auf Stab (?) gestützt. Rechts unten ist die Halbfigur eines Hafengottes (Seyrig, S.114; Ringel, S.157) zu sehen; dieser wird im Gegensatz zum Flußgott nicht schwimmend dargestellt. Vor dem Bau steht in ganzer Breite eine Balustrade, die zentral etwas niedriger als an den Seiten und zusätzlich einwärts (wie bei einer Exedra) gebogen ist. Nach BMC 39 (ebenso Kadman, 1957, S.176) soll es sich dabei jedoch um ein "podium divided into panels by pilasters..." handeln; diese Deutung wird wohl deshalb nicht zutreffen, weil ein Zugang (Stufen, Treppe) zum Podium fehlt. Vor der 'Schranke' ist auf gut erhaltenen Münzen zentral ein Altar zu sehen (#k0829, #k2848 ua).

Die nach einwärts gekrümmte 'Balustrade' und das Fehlen eines Zugangs sind ganz ungewöhnlich und lassen an der Deutung des Monuments (als großer Tempel mit Tonnengewölbe) und des Münzbildes (als Tempelfassade) zweifeln. Wie könnte man sich den realen Bau vorstellen?
Vielleicht ist der Bau mittels zweier Abb. (Parada, 7 u.21) leichter zu verstehen: a) Raum 21 der Casa dei matrimoni d'argento in Pompeji (www.pompeiinpictures.com) und b) Hypogaeum des Yarhai aus Palmyra (Nat.Museum Damaskus; Seyrig, H.: Reconstitution d'un tombeau palmyrénien..., Syria 27 (1950), S.250-2, u.Tf.12).
Dabei handelt es sich um kleinere Räume mit Tonnengewölben, welche jeweils auf einem vorderen und rückwärtigen Säulen- bzw. Pfeilerpaar mit geschlossenen Seiten- und Rückwänden ohne Tympanon ruhen. Die Epistyle des Münzbildes entsprächen Balken, die in Längsrichtung den vorderen und hinteren Säulen aufliegen. Bei frontaler Draufsicht sähe die Umsetzung aus der dreidimensionalen in die plane Ansicht exakt so aus wie das Münzbild.

Wenn man die Prägungen der herodianischen Dynastie und die solitäre KB aus der Zeit des Nero (#a0439img) außer Acht läßt, ist diese Prägung die erste Architekturmünze im Raum zwischen östlichem Kleinasien/Syrien und Ägypten; das Motiv ist nahezu identisch andernorts unter Hadrian, Antoninus Pius und Commodus in Gaba: RPC 3949, temp 8592 und Sofaer 22 und 32, ANS 902) und Alexander Severus (Anthedon: Sofaer 6). Alle diese Beispiele zeigen nicht einen 'syrischen Giebel' sensu strictu (**).

Die Sammlung Sofaer erlaubt einen weiten, aber natürlich nicht vollständigen Blick auf die Münzprägung unter römischer Autorität. Demnach prägten knapp 40 Orte in den von der Sammlung einbezogenen Regionen (Galiläa, Samaria, Judäa, Philistia, Decapolis, Arabia) - manche nur kurzzeitig, manche von Augustus bis zum allgemeinen Ende der Prägetätigkeit, davon viele mit unterschiedlich langen Unterbrechungen (zB durch den Bar-Kochba-Krieg, s.u. Lit.). Fast alle Prägeorte hatten auch Architekturmotive 'im Programm'. Mehr s. Notiz zu #a0703img.

Diese Münze bildet die Basis für L.Kadmans Artikel (1962, s.u.), dessen Hauptaussagen - oft unkritisch übernommen - in der nachfolgenden Literatur starke Spuren hinterlassen hat (s. zB Kindler, S.297; Chretien-Happe, S.137f; Blazquez, S.550; Tameanko/ Celator, S.26; Hefner, S.113. Sehr kritisch dagegen schon Drew-Bear, S.58-60), nachdem bis dahin der Bogengiebel kaum Erwähnung fand: Unter Trajan sei es in der Bauweise von Tempelfassaden in einigen östlichen Städten zu "radical alterations" und letztlich zu einer numismatischen Revolution gekommen (***). Ua seien geradlinige Entwicklungen vom klassischen Dreiecksgiebel zum sog. 'syrischen Giebel/Bogen', von schmalem zu verbreitertem geschlossenen Tempelinnenraum und von eintoriger zu einer dreitorigen (- schiffigen) Fassade, später auch mit flankierenden Türmen versehen, klar zu erkennen. Diese Entwicklungen seien in Palästina (und zu einem kleineren Teil in Phoenizien, nicht aber in Syrien) über Zwischenschritte (S.75f; vgl. Hefner, S.113: "ausschließlich" in diesen Regionen!) in Gang gekommen. Mit dem Bekanntwerden des 'neuen Stils' sei die klassische Architektur obsolet geworden (S.76), was der Autor sowohl auf die numismatische als auch auf die bauliche Produktion bezieht.
Angesichts von weit über einhundert kontemporären Prägestätten, die selbst in Palästina (zB Gadara, Gaza) und bis zum Ende der provinzialen Münzprägung ausschließlich Bilder von klassischen Tempelfronten hervorbrachten, erscheint das Fazit (jedenfalls hinsichtlich der Münzen) übertrieben.

Einige Voraussetzungen für die Ansichten Kadman's (et al.) halten der Nachprüfung nicht stand (zu weiteren Fehlern und fragwürdigen Rückschlüssen s. Drew-Bear, ebda.).
- Der Autor meint zwar, zumindest 90 % ("clear picture") des in Frage kommenden Materials erfaßt zu haben, doch ist die Materialbasis nicht keineswegs vollständig. Kadman kennt, bezogen auf die Fassaden mit sog. 'syrischen Giebel/ Bogen', ca. 60 Prägeorte, davon zeigt ein erheblicher Anteil jedoch nur 'banale' Bogenkonstruktionen bzw. Sonderformen (zB #a0756img: Orthosia/ Phoenikia - von Kadman, S.73 nach Karien verortet) und nicht wirkliche Giebel. Für die Türme gibt es überhaupt nur zwei Beispiele (Abila und Capitolias). Allein in der vorliegenden Sammlung sind schon über 60 Städte aufgeführt, welche 'syrische Giebel und Bögen' i.e.S. prägen; insgesamt sind es deutlich über 100, demnach hatten etwa 2/5 der Prägeorte im Osten (Kleinasien bis Palästina ****) diese Giebelgestaltung im Repertoire.
- Eine geradlinige Entwicklung, in welcher ua der klassische Dreiecksgiebel durch den 'syrischen Giebel' ersetzt wurde, hat es nicht gegeben: Bis zum Ende der Münzprägung finden sich beide Giebeltypen in allen in Frage kommenden Regionen nebeneinander - in einigen Prägeorten werden völlig verschiedene Tempelfassaden, zB Ake-Ptolemais: Tetra- und Hexastyloi mit Bogengiebel, viersäulige Fassaden mit klassischem Dreeiecksgiebel bzw. mit Giebelschrägen ohne Architrav, zwei- und viersäulige kastenähnliche Fronten ohne Giebel, sowie distyle Rundbögen mit und ohne Sturz ('Architrav') in zeitlich völlig beliebiger Abfolge dargestellt. Einige Städte im Osten kennen jeweils nur klassische, andere nur syrische Giebel, zT wohl als Folge nur kurz dauernder Prägezeiträume.
- Insbesondere ist die von Kadman (S.75, "modernization") propagierte 'Entwicklungsreihe' gar nicht überzeugend: In dem mir vorliegenden BMC Galatia finde ich die als Beleg angegebenen Münzabbildungen aus Zeugma in zur Theorie passend, aber zeitlich von Kadman unrichtig zitierter Reihenfolge: von A.P. (Tetrastylos - bis Elagabal), über Philippus II (Bogen im Giebel !) zu Philippus I ('syrischer Giebel') (*****); diese späten und spärlichen (der Bogen im Giebel erscheint außer in Zeugma mW nur in Daldis und Hypaipa, s.Notiz zu #a0757img) Beispiele können nicht als Beleg für eine Entwicklungsstufe dienen, wenn schon Jahre vorher eine große Anzahl von Städten (etwa 40) Münzen mit 'syrischen Giebeln' ausgebracht hatte.
- Die vorliegende Münze steht nicht für die erste Verwendung des Motivs 'syrischer Giebel', der erstmals unter Domitian in Aezanis bzw. untypisch sogar unter Claudius in Nikaia (s.Notiz zu #a1052img) auf Münzen erscheint. Überhaupt ist ja sehr fraglich, ob das Stück aus Caesarea die Kriterien für einen 'syrischen Giebel' an einem Tempel (s.o) erfüllt, insbesondere fehlt das in der Anm.(*) beschriebene Merkmal. Kadman (S.72) kennt zwar sehr wohl die Abweichungen im Vergleich mit dem "fully developed type", besteht aber dann doch auf Palästina als dem Geburtsort des 'syrischen Giebels'.
Der erste definitionsgerechte 'syrische Giebel' (in Palästina) erscheint unter Hadrian in Aelia Capitolina; die Stadt verwendet das Motiv als einzige durchgehend bis fast zum Ende der nahöstlichen Münzprägung; in Kleinasien prägen ab Hadrian erneut (s.o. Domitian) Aezanis (je ein Tempel für den Kaiser und für Artemis Ephesia), erstmals auch Aphrodisias und Nakrasa den neuen Baustil. Unter Antoninus Pius ist der 'syrische Giebel' in Aelia Capitolina und Caesarea Maritima, der 'syrische Bogen' (keine Giebelschrägen!) in Diocaesarea und Neapolis bekannt, außerhalb Palästina in Philadelphia und Zeugma. Unter Marcus Aurelius stempeln zumindest zehn kleinasiatische und vier nahöstliche Orte den 'syrischen Giebel', unter Commodus sind es sechs bzw. drei Städte (******). Daraus geht entgegen der Darstellung Kadmans (1962, S.74: "first and mainly in the coinage of the Palestianian Cities") hervor, daß sich Entstehung und frühe Verbreitung des sog. syrischen Giebels (und Bogens) keineswegs auf Palästina (und zT Phoenizien) konzentrierten.
- Kadman stützt seine Folgerungen fast ausschließlich auf die Münzprägung, er erörtert nicht die Fragen, die sich aus der Synopse von Münzen und baulichen Relikten ergeben; dadurch erscheint sein Untersuchungsergebnis ("numismatic revolution" in Palästina) eindimensional: Sehr unterschiedliche architektonische Elemente und diverse Arten von Bogenkonstruktionen gelten als Vorläufer des 'syrischen Giebels/ Bogens', auch die Meinungen zu Chronologie (von den Assyrern über die Diadochen bis zur späten Republik), zu Geographie (Ägypten, Mesopotamien, Nabatäer in Arabien, Mäandertal, Syrien) und zu gesellschaftlichem Kontext (profan, sakral, 'privat') differieren erheblich (s. Überblick bei Parada, 2012, S.199-291). Außerdem sind selbstverständlich auch zeitliche und örtliche Parallelentwicklungen in Betracht zu ziehen, obwohl es nur wenige über das ganze Reich verstreute Monumente gibt, die baugeschichtlich als Vorgänger des 'syrischen Giebels' einzuordnen sind.

(*) Die Skizze von Tameanko (Celator, S.26) ist nicht korrekt: die Säulen stehen nicht auf einer durchgehenden Linie.
(**) Der 'syrische Bogen' ist den inneren Enden des unterbrochenen Architravs nicht aufgesetzt, sondern setzt alle Lagen des Architravs unter Schräggiebeln fort (s. Notiz zu #a1052img).
(***) "suddenly depict an entirely different form of temple", "extremely rich numismatic evidence" (S.70f).
(****) nicht jedoch in Europa (mit vereinzelten Ausnahmen, s. Notiz zu #a1040img) und Agypten. Thomas (S.265f) führt 70 (davon zwei doppelt) Prägeorte, fast alle aus Price/Trell, mit "arcuated lintels and similar forms" auf; ein syrischer Ursprung sei "most probable" (S.42).
(*****) BMC 2, 45, 29 auf (Tf XVI, 11.14.13), bei Kadman Anm. 13 fälschlich: BMC 4, 17 (L.Verus!?), 29.
(******) M.Aurelius: Aezanoi, Antiochia/ Ion. (2), Apollonia Salbake, Ephesos (? so RPC temp 2665), Hypaipa, Koinon Ioniae, Philadelphia/ Lyd., Tabai bzw. Aelia Capitolina, Capitolias.
Commodus: Antiochia/ Ion., Aphrodisias, Nikaia, Prousa, Samos, Tralles bzw. Aelia C., Sebaste.

Literatur:

Kadman, L.: Numismatic evidence of architectonic revolution in the second century CE, Isr.Num.Bull. 1962, S. 69-80
Kadman, L.: The Coins of Caesarea Maritima, Jerusalem 1957
Kindler, A.: Die palästinischen Städtemünzen im 2.Jh.n.Chr. und der Bar Kochba-Krieg, in (ed.) Noeske, H.-Chr. und Schubert, H.: Festschrift für Maria R.-Alföldi, Frankfurt 1991, S.283-312, Tf.20-22
Parada López de Corselas, M.: En torno al "Entablamento Arcuado" y al "Fronton Sirio" en la arquitectura construida y la iconografía arquitectónica romana, OCNUS 20 (2012), S.181-212 (numismat.bes. S.195-199)
Ringel, J.: La Fortune de Césarée et le Génie qui l'accompagne, Rev.Numismatique 6/16 (1974), S.155-159
Ringel, J.: Marine Motifs on Ancient coins, Haifa 1984 (S.88)
Seyrig, H.: La Tyché de Césarée de Palestine, Syria 49 (1972), S.112-115
Thomas, E.: Monumentality and the Roman Empire. Architecture in the Antonine Age. Oxford 2007

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Zuletzt geändert am: 2018-01-17 22:50:18