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Tarsos (Kilikia)
a0394 - Gordianus III
(ΑΥΤ) Κ Μ ΑΝΤΩΝΙΟϹ ΓΟΡΔΙΑΝΟϹ ϹЄΒ / ΠΠ
Büste mit Krone rechts
ΤΑΡϹΟ - Υ ΜΗΤ - ΡΟΠΟΛЄΩϹ ΑΜ - Κ / Γ Β
[Tempel, 4-s.], Tyche
Æ | 36 mm | 27.50 g | 1 h SNG France 1670, Ziegler/Kil. 777, SNG vAulock 6055, SNG Cop 385
Anschein von 2-säuligen korinthischen 'Tempeln' mit gedrehten Säulen ohne Architrav (nur mit Schräggiebeln) auf einer Bodenlinie, wobei der kleinere der 'Tempel' von dem größeren umfaßt zu werden scheint. Säulen und Giebel sind parallel, die äußeren Säulen allerdings gering höher gezeichnet. Firstakroteren. Vor (! die Bodenlinie wird überschnitten) den 'Tempeln' eine Sitzstatue der Tyche nach links, zu ihren Füßen der schwimmende Flußgott Kydnos.

Rs. AM (Umschriftende), K (rechts neben Thron), Γ und B bds. neben der Figur: s.Notiz zu (#a0612img).
Alle Ref. stempelgleich.

Die Plazierung des Kultbildes außerhalb (!) des 'Tempels' ist hier (unter Beibehaltung der Bodenlinie), neben dem Verzicht auf die Abbildung des Architravs, ein zusätzliches Hilfsmittel, die Gottheit in den Vordergrund zu rücken. Ein abgesenkter Boden, vermutlich zum gleichen Zweck, ist auf #a0579img bzw. #a0815img ('syrischer Bogen' bzw. klassischer Dreiecksgiebel; Tarsos) zu sehen. Ähnlich sind zB die Münzen für Philippus und Familie aus Nisibis (ua #a0050img, #a0664img), allerdings ganz ohne Bodenlinie. Vgl. auch die reinen Bögen ohne Hinweis auf einen Tempelbau, zB Seleukia ad Kal. (s. Notiz zu #a0005img).

Wie hinlänglich bekannt gewann man den Raum für die überproportionale Darstellung des Kultbildes gelegentlich durch das teilweise oder vollständige Weglassen des Architravs (Brouzos #a0013img, s. Notiz zu Magnesia #a0020img, #a0358img) oder häufiger mittels des 'syrischen Bogens'. Dieser Aspekt wird radikal von Drew-Bear (S.45, Anm.58) betont: er spricht von "simplification" der Architektur zum Zwecke des Raumgewinns für die Darstellung der Kultbildes; das sei generell (*) der eigentliche Zweck dieser Tempelbilder (mit "arched lintel"), die ua deshalb überwiegend nicht realitätsnah seien. Der Autor geht jedoch nicht auf die Struktur des Baues ein: Warum wählt der Stempelschneider diese ungewöhnliche Darstellung? Warum bedarf es überhaupt einer ('simplifizierten' !) Architektur, wenn es doch letztlich 'nur' um das Kultbild geht?

Die Münzbild der vorliegenden Prägung ist fast einzigartig (**) und deshalb vermutlich nicht zufällig, sondern mit Bedacht gewählt.
Zum Verständnis könnte - mit Vorbehalt - eine republikanische Bronze des Rubrius Dossenus (Crawford 438/6), die auf den ersten Blick einen zweisäuligen Tempel mit Dreiecksgiebel zeigt, beitragen: die dortige Dachkonstruktion gleicht dem Bild auf der vorliegenden Münze insofern, als das Dach im Sinne von zwei ineinander parallel liegenden Winkeln, allerdings mit durchgehendem Architrav, gezeichnet ist. Die Schenkel der Winkel stellen dabei die Dachrippen eines Kegeldaches (Vesta-Tempel) dar, wobei die zeitgenössische Bildsprache (in der Ansicht von vorn) die mittleren Rippen kürzer sieht und den inneren Winkel deshalb kleiner darstellt. Spätere Graveure ließen die Dachrippen nicht mehr parallel laufen; vielmehr wurde diese Mißverständnis provozierende Darstellung dadurch vermieden, daß alle Dachrippen vom First aus strahlenartig abgehen. Solche Dächer (ebenso Kuppeln) sind meist sichere Hinweise auf Rundbauten, selbst wenn außerdem kein einziges weiteres Anzeichen vorliegt.
Ganz spekulativ betrachtet könnte hier also beabsichtigt gewesen sein, einen Schrein mit einer kegelförmigen Bedachung (ohne Giebel) darzustellen; ob der zugehörige Bau dann einen kreisförmigen oder eckigen Grundriß besaß, ist ebenso völlig offen wie die alternative Interpretation: das Münzbild könnte auch den Versuch spiegeln, den Bau fluchtperspektivisch zu zeigen. Das bedeutet, daß das innere Säulenpaar mit Giebel, in Wirklichkeit von gleicher Größe wie die äußeren Säulen mit Giebel, weit hinten (in der Tiefe) steht und vom Graveur in die Frontalebene (und fälschlich auf eine gemeinsame Bodenlinie) gezogen wird. Vielleicht wurden waagerechte, die seitlichen Säulen jeweils verbindende Epistyle deshalb nicht ausgeführt, weil die Säulen im Verständnis des Stempelschneiders nicht nebeneinander stehen. Das Vorhaben wäre gut verständlich gelungen, wenn zusammen mit den Giebelschrägen auch die inneren Säulen verkürzt dargestellt worden wären.

(*) Drew-Bear erwähnt nicht die, allerdings seltenen Gegenbeispiele, bei denen der durch Bogen gewonnene Platz nicht genutzt wird, in dieser Sammlung zB #a0777img, #a0831img, #a0862img).
(**) Vgl. Motiv eines größeren 'vollständigen' Tempel (mit Dreiecksgiebel und Basis), in den ein kleinerer ebenfalls 'vollständiger' Tempel graviert ist, ist singulär (mW nur in Kremna, Lindgren I.1300).

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Zuletzt geändert am: 2018-10-08 11:09:41