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Nikopolis/ Nicopolis ad Istrum (Moesia)
a0430 - Septimius Severus
ΑΥΤ Λ ϹΕΠΤ• - ϹΕΥΗΡ ΠΕΡ
Kopf belorbeert rechts
ΥΠ ΑΥΡ ΓΑΛΛΟΥ ΝΙΚΟΠΟΛΕΙΤΩΝ / ΠΡΟϹ ΙϹΤΡ
Tor, darin Tempel [4-s.], darüber Tempelfront
AE | 26 mm | 7.83 g | 8 h AMNG 1331 (Rs.), Varbanov engl. 2733 = Hristova/Jekov 46.2, Price/Trell 26 (Rs.), BMC 7, SNG München 392v
Dieses 'Bauwerk' ist leichter zu entschlüsseln als andere 'zusammengesetzte' Münzbilder (*), die Deutung als Komplex von zwei unterschiedlichen Bauten (im Sinne des Prinzips "above instead of behind") mit dem Blick auf einen entfernt stehenden Tempel ist mE unmittelbar einleuchtend.

Die untere Münzbildhälfte zeigt ein rundbogiges offenes Stadttor auf einer Bodenlinie mit zwei niedrigen Türmen an den Flanken. Zwischen diesen und etwas oberhalb des Torbogenscheitels spannt sich das glatte Kranzgesims ohne Zinnen etc. Das Mauerwerk besteht aus zT versetzten Quadern. Das Tor selbst ist durch einen Sturz geteilt, im dadurch entstehenden halbrunden Torgiebel ein Punkt. In der Toröffnung und auf eigener Basis (!) erscheint in der Ferne ein 4-säuliger Tempel frontal mit Dreiecksgiebel.
Den Tortürmen ist ein weiteres Gebäude auf eigener Basis aufgesetzt. Bds. in Verlängerung der Türme sind je 3 Säulen aufgerichtet, etwas abgesenkt nach innen jeweils eine vierte Säule, in summa 8 Säulen. Zentral auf der Basis steht ein hoher schmaler Bogen zwischen zwei ebenfalls schmalen, jedoch niedrigeren Bögen. Die Bögen können Tore, aber auch Nischen meinen. Die Basis des oberen Gebäudes bildet keine Gerade; sie ist kaum merklich bds. in Verlängerung der Turminnenseiten dort geknickt, wo sie waagerecht auf den Türmen ruht. Der Knick ist bds. nach innen unten gerichtet und geht gleich wieder in die Waagerechte, parallel zum Tormauersims, über. Diese Bewegung wird von dem auf den Säulen ruhenden Architrav wiederholt und betont die perspektivische Ansicht. Das Gebälk ist durch eine tiefe Kehle zweigeteilt wie auch der Hauptgiebel, der sich in der Mitte über den drei Bögen erhebt. Im Giebelfeld ein Schild mit Speer.
Ganz offenbar will der Stempelschneider zeigen, daß es sich um einen dreibogigen zentralen Bau mit rechtwinklig vorspringenden Seitenflügeln handelt: in der Mitte wäre ein Satteldach, auf den Flügeln je ein zum Münzrand abfallendes Pultdach; der durch die Flügel begrenzte und nach vorn offene Hof hätte kein Dach. Es handelt sich also nur scheinbar um einen verkröpften Giebel, der deshalb auch nur sehr bedingt an die viel weniger kunstfertig gearbeiteten Münzen zB aus Zela (vgl. #a0508img) mit ihren 'gebrochenen Giebeln' erinnert. Der entscheidende Unterschied besteht darin, daß dort tatsächlich der Giebel 'gebrochen' ist - ohne jeden bildgewordenen Hinweis auf einen Flügelbau (s. auch #a0398img). Dagegen ist der vorliegend abgebildete Bau der als ebenerdig präsentierten Anlage in Sebastopolis-Herakleia (zB #a0059img) frappierend ähnlich; und auch das sehr simpel gravierte Tempelbild in Maroneia (#a0436img) könnte durchaus den Versuch widerspiegeln, einen Flügelbau zu zeichnen.

Die Ref. sind bds. stempelgleich.
Von bds. anderen Stempeln (unter Fulvius) sind ua. SNG München 392, Hristova/Jekov 46.3 (#k1238, #k2661) und AMNG 1339 (ohne Abb.): die Vs. zeigt eine Büste und einen langen Spitzbart. Die Rs. zeigt den kleinen Tetrastylos nicht 'schwebend' auf eigenem Stand (und damit in der Ferne), sondern auf der Standlinie des Tores. Außerdem ist der Sims des Flügelbaus nicht mehr eindeutig sichtbar gewinkelt, er bildet stattdessen eine gerade Linie.
Ein dritter derartiger Rs.Stempel, jedoch unter Caracalla (AMNG 1585, ohne Abb.; Hristova/Jekov 46.8) und Geta (Hristova/Jekov 46.4).
Dasselbe Ensemble ist - offenbar zu gleicher Zeit, aber von anderer (und weniger geschickten) Hand - mit deutlichen Unterschieden dargestellt, unter Septimius Severus (s. Notiz zu #a1042img; Hristova/Jekov 46.4) und für Plautilla (46.2), von anderem Rs.Stempel unter Caracalla (46.10).

M.Pensa (città, S.115f) vergleicht die vorliegende Rs. mit einer ebenfalls unter Septimius Severus in Nikopolis ausgegebenen Prägung #a0553img und kommt nach einigem Hin und Her zu dem Schluß, daß diese (#a0533img, Price/Trell Abb.70) wohl zwei (!) unterschiedliche Bauwerke übereinander anzeige, "mentre Price e Trell pensano che questo tipo si riferisca a un ninfeo" (*). Die Konsequenz aus der Ansicht von Price und Trell sei, daß es keine Beziehung zwischen den beiden sehr ähnlichen (?!) Bauwerken (#a0430img und #a0553img, Price/Trell Abb.26 und 70 **) geben könne. Man könne stattdessen annehmen, daß es sich in beiden Fällen um Propyläen zu einem Heiligtum ("propileo a un santuario", aaO S.116) handele, wie es durch den in der Toröffnung (#a0430img) sichtbaren Tempel angedeutet sei. Dem ist trotz aller Wertschätzung ihres sonst verdienstvollen Überblicks zu widersprechen. Nach meiner Überzeugung ist Pensa fehlgeleitet. Jedenfalls kann man keinerlei strukturelle Ähnlichkeiten zwischen diesen (#a0430img : #a0553img) Münzbildern erkennen: die vorliegende Prägung bildet verschiedene Bauten (Stadttor, Tempel, Zentralbau mit Seitenflügeln: "above instead of behind") ab, wogegen die Münze #a0553img nur ein einziges Gebäude mit wohl zwei Stockwerken zeigt, nämlich ein Nymphaeum (***).

Interessanterweise kommt das auf der vorliegenden Münze 'oben' plazierte Bauwerk für B.Trell (Nymphaea, 1978; S.16,IVe) auch als Nymphaeum in Betracht ("large public building which may be a nymphaeum") - im Gegensatz zu ihrer wohl früher verfaßten Meinung (1977 Price/Trell, S.26: "...building, probably a sanctuary."); s. Notiz zu #a0607img. Sie sieht (s.o., S.155f) in dem Flügelbau tatsächlich das obere Stockwerk eines Nymphaeums, dessen untere Etage vom Torbau verdeckt sei ("...the very bottom of the facade is completely hidden by...a monumental gateway"). Wegen der für "fountain buildings" charakteristischen Fassade und der drei "niches" bestünde "the attractive possibility that on this coin we have another [!] nymphaeum of Nicopolis". Dagegen sprechen einige Beobachtungen: Die wenigen auf Münzen dargestellten Nymphaeen sind durchgehend (zumindest angedeutet) semicirculär gezeichnet (und nicht wie hier mit rechtwinklig vorspringenden Flügeln), in den Fassaden sind niemals Bogendurchgänge zu sehen, überhaupt fehlen hier typische Merkmale wie zB Wasserspeier (****) und Figurenschmuck; letztlich wäre die Vorstellung von drei in der zweiten (s.o.) Etage eingebauten Durchgängen absurd.
In diesem Fall ist der Autorin also strikt zu widersprechen, zumal bei genauer Inspektion klar zu sehen ist, daß die Basis des Flügelbaus durchgehend gezeichnet ist, das komplette Gebäude also 'auf' den (niedrigen) Türmen (vgl. #a0202img) 'lastet'; außerdem wäre nicht zu erklären, daß der doch sehr geschickte Graveur im offenen Tor einen in der Ferne stehenden Tempel andeutet, nicht aber die ansonsten im offenen Tor zu erwartenden unteren (oder ggf. vorgelagerten) Partien des 'Nymphaeums'. Die Komposition der Rs. ist mit "above instead of behind" (s.o.) ausreichend erklärt, gewissermaßen wird B.Trell sich in diesem Fall selber untreu.

Wie ungenau bis heute Münzbilder beschrieben werden, ist leicht in Auktionskatalogen zu sehen, zB Giessener Münzhandlung G&M Auktion 245.1421 (2017): die Seitenflügel (des oberen Bauwerks) seien "offene Hallen mit je vier Säulen und Giebeldach", während der "Torbau mit zwei vorspringenden Eckrisaliten" versehen sei. Man kann aber nur je drei Säulen mit Pultdächern sehen, und auch die Beschreibung der (vermutlich runden oder halbrunden) Tortürme als 'Eckrisalite' ist unglücklich: Risalite sind immer 'vorspringend', und ein 'Eckrisalit' entspricht einer Gebäudeecke - der Torbau steht aber nicht frei in der Gegend, sondern unterbricht die Stadtmauer.
Wichtiger erscheint mir noch die falsche Beschreibung des Torbaus (ua Hristova/Jekov, S.127 und mehrfach: "closed door"; Varbanov, S.240: "door closed"). Damit ist die Absicht des Graveurs, verschiedene Ebenen zu zeigen, völlig verkannt.

Beispiele für das Stilmittel, welches gelegentlich vielleicht auch überstrapaziert wird (vielleicht zB #a0836img, #a0940img): #a0109img, #a0120img, #a0721img, #a0868img, #a0973img, #a1044img, #a1050img.

(*) Vgl. zB #a0104img: ebenfalls zwei Bauten übereinander; s. auch die Notiz (unter #a0607img) zu einer ähnlichen (?) Kombination zweier Bauten in Neokaisareia (#a1072img, Price/Trell Abb.71).
(**) Natürlich nicht! Eine Verwechslung? Die Bauten sind total unähnlich. Pensa aaO, unten: "In realtà la costruzione di queste due immagini è molto simile".
(***) Pensa übersieht ua die Partie oberhalb der dreistufigen Basis, vermutlich eine Reihe von Wasserspeiern.
Es ist bemerkenswert, daß Pick (S.370) es in diesem Fall für "unwahrscheinlich" hält, "dass der obere Theil nicht als zweites Stockwerk des Thorbaus, sondern als im Hintergrund stehend zu denken...ist." Dabei ist er offenbar der Erstbeschreiber des Stilmittels "above instead of behind" (AMNG I.1, S.441; s. Notiz zu #a0104img) - bezüglich einer Prägung, die auf den ersten Blick weniger Anlaß zu dieser Deutung gibt.
Vermutlich im Anschluß an Pick schreibt Liegle, S.220: "Das reizvollste Beispiel eines Markttores".
(****) Trell (ebda S.157) bzgl. der Erkennung von Nymphaeen: "in every case the presence of the waterspouts has essential importance"!

01.01.2008, 17.06.2017

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Zuletzt geändert am: 2020-03-07 01:23:30