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Pergamon/ Pergamum (Mysia)
a0721 - Septimius Severus u. Julia Domna
ΑΥΤ•ΚΑΙ•Λ•ϹЄΠ• - ϹЄΟΥΗΡΟ - Ϲ•ΠЄΡ• / ΙΟΥ ΔΟΜΝΑ - ϹЄΒΑϹΤΗ
Büste belorbeert (Septimius) rechts u. Büste (J.Domna) links vis a vis
ЄΠΙ ϹΤΡΑ ΚΛΑΥΔΙΑΝΟΥ ΤЄΡΠΑΝΔΡΟΥ / ΠЄΡΓΑΜΗΝΩΝ - Β ΝЄΟΚΟΡΩΝ
Tempelanlage, Altar, Propyläen
AE | 44 mm | 39.59 g | 6 h BN onl 41811506 = SNG France 2211, BMC 315 = vFritze/Perg. IX.3 = Price/Trell 217, SMB 18200904 u.18200036, Mabbott 1333, Winsemann 1304, ANS 230.16
Strat. Claudianus Terpandrus.

Ansicht des großen Altars von Pergamon.
Auf durchgehender Bodenlinie steigt mittig, sich leicht verjüngend, eine fünfstufige Freitreppe zum Altar; schmale Linien begrenzen den Zugang seitlich, in der Bildsprache das Zeichen für eine durch Wangen eingefaßte Treppe. Auf gleicher Ebene wird sie bds. von je einem Standbild eines Buckelrindes flankiert; die Statuen stehen einander zugewandt auf schweren Sockeln im Vordergrund und ragen in die mittlere Bildebene. Diese wird einerseits zentral von einem rechteckigen Altar, dessen Basis an die oberste Treppenstufe anschließt, gebildet, zum andern von 4-säuligen Fronten zu beiden Seiten des Altars. Die beiden (ionischen) Säulenreihen geben die Aufsicht auf das jeweilige freie Ende der Seitenflügel des Altarhofes wieder. Die Basen der Säulen werden von den Rinderstatuen überschnitten; dadurch wird die Staffelung der Ebenen augenfällig. Die starken Epistyle tragen jeweils zwei Figuren (*), nämlich Poseidon, Kybele und vermutlich Priesterinnen, 'identifiziert' nach archäologischen Funden. Nach vFritze (S.86) handelt es sich wegen der auf der Londoner Münze erkennbaren Attribute Bogen und Köcher um Apollon und Artemis. Zentral im Münzbild oben erhebt sich über leerem Interkolumnium ein "Kuppel-Baldachin" (s.Notiz zu #a1021img) auf zwei (in natura natürlich vier) Säulen, deren Basen auf eigener Bodenlinie oberhalb des Altars ( ! so ganz unzweifelhaft auf dem Berliner Ex. zu erkennen) stehen; das kann eigentlich, zumindest in diesem Fall, nichts anderes bedeuten, als daß der Stempelschneider den 'Bogen' als rückwärtig vom Altar (und nicht über demselben) aufgerichtet zeigen will. Allgemein wird dagegen wohl angenommen, daß das gewölbte Dach den Altar überspannt (Ayala, S.61). Das würde allerdings erfordern, daß die Säulen bis zur Altarbasis reichen sollten. Die tatsächliche Ausführung der Gravur wäre dann sehr nachlässig, was angesichts der sonstigen kunstvollen Raumaufteilung nicht einleuchten will. Auf der gut erhaltenen Berliner Münze ist schließlich der Gitterdekor des vermutlich bronzenen Daches gut zu erkennen.

Alle Ref. (und Aukt. CNG 60.1232 = #k1536, Aukt. NAC 88.293 = #k10803) bds. stempelgleich.(**)

Das Rs.Münzbild besteht demnach oberhalb des Abschnitts aus drei Bildebenen, die sich teils überschneiden, teils übereinander angeordnet sind. Beide Kunstgriffe sollen verdeutlichen, daß die Ebenen hintereinander ausgerichtete Teile des Gesamtbaus widerspiegeln: zuvorderst die von den Stierstandbildern gerahmte monumentale Treppe; dahinter der Altar im Hof zwischen den Seitenflügeln, ohne Darstellung der eigentlichen Säulenhalle; ganz hinten der tabernakelähnliche (Ciborium) und numismatisch einzigartige 'Baldachin' (dazu s. Notizen zu #a0409img und #a1021img; mit zirkulärem Grundriß ?). Der Aufgang vereint, "By numismatic magic" (so Trell, S.10), die in natura monumentale Freitreppe zum Altarhof und die Stufen zum eigentlichen Altar.

Den Altar, wie er aus der Berliner Rekonstruktion bekannt ist, erkennt man auf der Münze, die ja einen späteren Bauzustand repräsentiert, kaum wieder. Zwar sind elementare Strukturen, wie üblich in verkürzter Form, dargestellt (Altar, Freitreppe, vielleicht auch die Säulenhalle als solche, so vFritze, S.86); andere, wie die für uns besonders wichtigen Reliefs (Gigantomachie), sind nicht einmal angedeutet; und wieder andere (Statuen mit Sockeln, 'Baldachin') sind nur vom Münzbild her bekannt. Liegle (S.223) hat dafür einen sympathischen Gedanken: "Man fühlt sich angesichts der Zutaten an die Umwandlung erinnert, die mancher romanische Kirchenraum in der Barockzeit durch ....Baldachin-Altäre und Erz- und Marmorfiguren erfahren hat." Aus einer Zeit, als man meist noch die Beschäftigung mit nicht-stadtrömischen Prägungen für "spleenish" gehalten hatte (***), sei als Beispiel für das aufkommende (und manchmal fast enthusiastische) Interesse ein weiteres Zitat vorgestellt: "We can indeed be grateful ...to the unknown artist who gave us in a coin of Pergamum what must be a fairly accurate representation of the great altar..." (Gillespie, S.377).

Das gesamte Rs.bild hat in der weiteren Münzprägung der Stadt keinerlei Widerhall gefunden.
Deshalb liegt es natürlich nahe, mit vFritze ("probable Erklärung", aaO) in der Münze eine einmalige Sonderprägung anläßlich einer "Neuausstattung des großen Altars in der Zeit des Severus" zu sehen.

(*) nach Price/Trell (S.123) in Wirklichkeit hinter den Säulen stehend: "above instead of behind" (dazu s. Notiz zu #a0104img).
(**) zur Gestaltung der Vs. (Ehrenplatz) s. Notiz zu #a0984img.
(***) Bis heute werden die provinzrömischen im Vergleich mit stadtrömischen Architekturabbildungen in manchen numismatischen Publikationen unverändert stiefmütterlich behandelt (zB Tameanko, Hefner, Elkins) - trotz "almost overwhelming mass of material" (T.B. Jones, S.344; 1963!).

Literatur:

Fritze, H.von: Die Münzen von Pergamon, Abhandlungen der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1910, Anhang S. 1-108
Gillespie, J.: Greek Imperial Coins, The Numismatist 64 (1951), S.370-385
Jones, T.: A numismatic riddle: the so-called Greek imperials, in: Proceedings of the American Philosophical Society 107 (1963), S. 308-347
Trell, B.L.: Architecture on ancient coins, Archaeology 29(1976), S.6-13

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Zuletzt geändert am: 2017-12-01 12:16:23