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Rom (Republik)
a0994 - Considia
↺ C•CONSIDI•NONIANI
Büste Venus E. rechts
ERVC
Tempel 4-säulig auf Berg, Mauerring [Akropolis]
AR | 17 mm | 3.84 g | 3 h Sydenham 886, Crawford 424/2
wohl 60/59 v.Chr. durch C.Considius Nonianus.

4-säuliger (ionischer) Tempel mit Akroteren und einem Punkt im Giebelfeld auf einer felsigen Höhe. Deren Fuß ist, dem unteren Halbrund der Münze folgend, eine Mauer vorgelagert. Sie wird mittig von einem offenen rundbogigen Tor in einem Torturm geteilt und von je einem Turm seitwärts abgeschlossen. Das Mauerwerk besteht aus drei Reihen von gegeneinander versetzten Quadern.

Vermutlich ist der Prägeanlaß die Beteiligung eines Vorfahren des Münzmeisters an der Errichtung (oder Erneuerung) des Tempels der Venus Erycina in Rom - die Familie stammt aus Eryx auf Sizilien. Gelegentlich wird die Meinung vertreten, daß die Rs. nicht auf das Heiligtum auf Sizilien hinweist, sondern auf den Tempel (Quirinal) vor der Porta Collina in Rom (so M.Harlan, s.Crawford 424/1).

Es ist erstaunlich, wie hier der Künstler ein 'Panorama' in das kleine Münzrund einfügt - ohne eine numismatische Vorlage. Die betonte Anpassung des Darzustellenden an die vorgegebene Rundung des Schrötlings gehört seitdem zu den (allerdings nicht sehr häufig genutzten) Gestaltungsmöglichkeiten (vgl. Notiz zu #a0109img) der Stempelschneider .
Allerdings scheint es in diesem Fall bei der Umsetzung Probleme gegeben zu haben: die seitlichen Türme ragen nämlich nicht, wie zu erwarten wäre, aus der Mauerflucht vor; stattdessen ist die Mauer über die Kontur der Türme gelegt (*). Es ist auch zu beachten, daß die Quaderreihen nicht parallel verlaufen und dadurch perspektivisch verzerrt erscheinen. Nur wenige Stempelvarianten vermeiden diesen Fehler: stattdessen schließt das Mauerrund bds. an die inneren senkrechten Seiten der Türme an, und zusätzlich liegen die Quader des Turmmauerwerks exakt waagerecht (zB BM R.8744); darüberhinaus scheinen diese Stempel regelmaäßi 'Striche' zwischen den Säulen des Tempels, vielleicht im Sinne eines Blicks auf Cellawand.
Wir können natürlich unmöglich wissen, ob diese Darstellungsweise zufällig oder im Sinne eines geschlossenen Bildeindrucks beabsichtigt ist, wie es M.Pensa (città, 2011, S.108) statuiert ("in modo da creare l'illusione di una continuenzione di quelle oltre queste").

Die Münze ist in dreierlei Hinsicht ungewöhnlich: einmal ist es überhaupt die erste Prägung, die nicht nur ein einzelnes Bauwerk, sondern ein 'Landschaftsbild' zeigt; zum andern ist es die älteste (neben dem Aureus, s.u.) stadtrömische Münze, welche ein Motiv von außerhalb Roms darstellt (abweichende Meinung s.o.); überhaupt ist festzustellen, daß ansonsten ausschließlich Bauten in Rom und in dessen engster Umgebung (Ostia) auf stadtrömischen Prägungen zu sehen sind, und umgekehrt findet man auf Provinzmünzen cum grano salis kaum hauptstädtische Bauten (**). Letztlich wird diese Prägung zur Mutter der antiken 'Landschaftsbilder' auf Münzen, indem sie erstmals den Eindruck einer räumlichen Darstellung erzeugt ('Tiefe des Raumes' durch Kombination von Vogelschau, frontalem Blick und Überschneidung).

Nur wenig später schon (42 v.Chr.) erscheint ein Aureus (L. Servius Rufus, Crawford 515/1; Abb. zB: SMB Acc.1909/190 u. BMCR 4204, Tf.55.14) mit dem Bild einer Stadtmauer (von Tusculum) und einem prominenten Torturm, der die Inschrift "TUSCUL" trägt. Diese Prägung unterscheidet sich von der vorliegenden insbes. dadurch, daß ihr Motiv gänzlich säkular ist; dagegen scheint für den Münzmeister Considius Nonianus ein religiöser Aspekt die größere Rolle zu spielen: die Mauer ist deshalb wohl weniger als defensive Struktur denn als Abgrenzung für das Sanktuarium der Venus gemeint.
Wiederum wenig später nach dem Aureus werden die bekannten Prägungen von Emerita (zB #a0088img, #a0285img) ausgegeben, die ebenfalls keinen religiösen Bezug aufweisen.

Diese Münzen spiegeln außerdem einen substantiellen Wandel in der Intention der Emittenten; eine der Folgen ist die Einführung neuer Bildmotive. Das brachte eine weitere Neuerung mit sich: bis dahin waren die Münzbilder prinzipiell aus sich heraus verständlich, nun werden Motive gewählt, die erklärt werden müssen.
Daß die Erklärungen in Schriftform ('Legende') erfolgten, wirft, da ja nicht jeder Römer zu lesen imstande war, auch ein Licht auf die angesprochenen Rezipienten (Hölscher, S.238).

(*) so auch die 'Trajansbrücke' (s.Notiz zu #a0109img). Deren Graveur hat in ähnlicher Weise mit seiner Aufgabe zu kämpfen: indem er beide Tortürme um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedreht hat, gelingt es ihm nicht, den Brückenaufbau (Geländer) an der zugehörigen Seite des rückwärtigen (linken) Tores ansetzen zu lassen.
(**) aber Filges (Münzbild, S.256, Anm.1561 mit Verweis auf Fähndrich, S.62) im Zusammenhang mit einer Prägung aus Parium: "Darstellungen stadtrömischer Monumente auf griechischen Städteprägungen" seien nicht "ungewöhnlich" - das Gegenteil ist richtig; in Wirklichkeit können nur (vergleichsweise sehr wenige) Beispiele zB auf Cistophoren (Städteprägungen?) oder aus Alexandria (zT durchaus strittig, s. Notiz zu #a0271img) als Beleg dienen.

Literatur:

Harlan, M.: Roman Repaublican Moneyers and their Coins, London 1995
Hölscher, T.: Die Bedeutung der Münzen für das Verständnis der politischen Repräsentationskunst der späten römischen Republik, in: (ed.) T.Hackens u. R.Weiller, Actes du 9.Congrès International de Numismatique 1979/ Bd.I, Louvain/Luxembourg 1982, S.269-282, Tf.34

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Zuletzt geändert am: 2017-12-01 12:16:23