Start|Kontakt|Suche|Hilfe Deutsch | English
Version 1.1.1Sie sind hier: Startseite>Die Sammlung>im Detail

 Einstellungen

im Detail
Aizanis/Aizanoi (Phrygia)
a1052 - Commodus
ΑΥ ΚΑΙ Μ ΑΥ - ΡΗ ΚΟΜΟΔΟϹ
Büste belorbeert rechts
ΑΙΖ - Α - ΝЄΙ - ΤΩΝ
Tempel, 4-s., sog. syrischer Giebel, Artemis Ephesia
AE | 31 mm | 13.57 g | 2 h -;
4-säuliger (korinthischer) Podiumstempel mit drei Stufen. Die dreilagigen Epistyle auf den auseinandergerückten Säulenpaaren gehen in einen Bogen über. Im Zwickel unterhalb des Firstes ein Punkt (als Zeichen für den Mond zu verstehen, so Hommel, S. 47). Den zweireihigen Giebelschrägen liegt jeweils ein wellenartiger Dekor an; First- und Eckakrotere. Im Tempelinnern das Kultbild der Artemis Ephesia v.v. zwischen zwei Hirschen; auf Höhe des Kopfes links eine Mondsichel, rechts ein Stern.

Die Tempelfassade mit einem 'syrischem Giebel' (und Zeus-Statue) wurde in Aezanis schon unter Domitian (! RPC 1363, s.u.) geprägt; diese frühe Prägung kann nicht den heute noch gut erhaltenen 8-säuligen Zeus-Tempel darstellen, da dessen Grundstein überhaupt erst unter Hadrian gelegt wurde. Nach Fertigstellung unter Antoninus Pius wird der große Oktastylos auch unter M.Aurelius (nicht aber unter Commodus) 'richtig' mit klassischer 8- säuliger Front (ohne Kultstatue) abgebildet (zB BMC 104) - man könnte deshalb annehmen, daß zwei (!?) unterschiedliche Zeus-Tempel am Ort existierten.
Die Geschichte wird dadurch undurchsichtig, daß einerseits unter Domitian zeitgleich auch ein Tetrastylos (Zeus) mit klassischem Dreiecksgiebel (RPC 1362), andererseits unter Hadrian ein jeweils viersäuliger Tempel mit 'syrischem Giebel' (RPC 2505f, Artemis Ephesia und Zeus) dargestellt wurden (s.u. vAulock, S.86). Die vorliegende Münze nimmt für Artemis Ephesia die frühere Prägung unter Hadrian auf.

In der numismatischen Literatur lassen sich nur marginale Äußerungen zur Einführung des 'syrischen Giebels bzw. Bogens' in die Baukunst finden: Der Bogen als technische Lösung einer optimalen Lastverteilung war ubiquitär und kam im Sakralbau besonders in Gestalt von Tonnengewölbe und Kuppel zur Geltung; daß der Bogen ua mit dem Ziel einer größeren Jochbreite in Tempelfronten eingefügt wurde (so zB Tameanko, Celator, S.24), erscheint allerdings nicht sehr plausibel: gerade die monumentalen Fassaden der Großtempel besitzen keine Bögen, sondern schwer auf dem waagerechten Gebälk lastende Giebel, die durch eng stehende Säulen gestützt werden mußten. Gelegentlich wird der 'syrische' Bogen ua nur als dekoratives Bauelement, häufiger auch als ein Symbol für das Himmelsgewölbe interpretiert (zB Parada, Hrnciarik).

Der 'Syrische Giebel' (s. Notiz zu #a0318img) erscheint numismatisch meist in Verbindung mit einem Tetrastylos (selten als Hexastylos: zB #a0015img; ganz vereinzelt als Distylos bzw. Oktastylos: zB #a0996img bzw. Laodikeia ad Lycum, CNG e413.254) in Frontalansicht und einige Male 'über Eck' (s.Notiz zu #a0652img). In strengem Sinn ist er durch einen von einem Halb- oder Segmentbogen 'unterbrochenen' Architrav und durch Giebelschrägen definiert, der Bogen selbst führt ggf. vorhandene Lagen des Architravs weiter (zB #a0799img) (*). Die in gleicher Weise in einen zentralen Bogen übergehenden Architrave ohne Giebelschrägen kann man zu diesem Typus hinzunehmen, weil das wesentliche Merkmal, nämlich die nicht unterbrochene Fortführung von Architravlagen, erhalten bleibt. Für diese Variante bietet sich zur Unterscheidung vom 'syrischen Giebel' im eigentlichen Sinne (wie oben beschrieben) der Terminus 'syrischer Bogen' an (**). Ua wird dagegen ein ähnlicher Bogen oft (ungenaue Diktion!) "Serliana", auf Münzen besser "Palladio-Motiv" genannt, wenn die Bogenschenkel, ohne fortlaufende Verbindung mit den Epistylen, dem Gebälk aufsitzen (zB #a0210img, #a0825img); das ist numismatisch seltener und nur gelegentlich vom 'syrischen Bogen bzw. Giebel' sicher zu unterscheiden. In der Architektur gibt es außerdem manche mehr oder weniger bedeutsame Detailvarianten, welche verständlicherweise auf dem kleinen Münzrund nicht ins Bild gesetzt werden können.
Dagegen handelt es sich bei einem 'Bogen im Giebel' (zB #a0757img) eher um ein rein dekoratives Element ohne Beziehung zum 'syrischen Giebel'. Bis heute wird zusammen mit anderen fragwürdigen Ansichten von L.Kadman (s.Notiz zu #a0318img) auch dessen nicht zutreffende Deutung dieses Bogenelements als Zwischenglied in der Entwicklung von der klassischen Tempelfassade bis zum sog. 'syrischen Giebel' übernommen (s. Parada, S.196).
'Reine' oder 'einfache' Bögen (s. Notiz zu #a0005img), nahezu ausschließlich Distyloi, sitzen unmittelbar ohne ein Anzeichen für ein Epistyl den Kapitellen auf und können deshalb keine Giebel im Wortsinn darstellen.

Die ganz uneinheitliche Nomenklatur (***) folgt ua aus den unterschiedlichen bautechnischen Einzelheiten der Bogenarchitektur, die sich ja schon lange vor ihrer Einführung in die Münzprägung entwickelt hat; außerdem kommt es, meist wohl um einer exakten Beschreibung willen, zu teilweise langatmigen und deshalb unpraktikablen Umschreibungen.
Es liegt darum nahe, den alten Terminus 'syrischer Giebel' (bzw. 'syrischer Bogen') im oben erläuterten Sinn weiter zu verwenden, solange es bei dem begrifflichen Wirrwarr bleibt. Anders als in der Baugeschichte sollten diese beiden Bezeichnungen in numismatischem Zusammenhang genügen, da generell eine exakte Zuordnung zu anderen Giebelvarianten anhand des Münzbildes in sehr vielen Fällen nicht möglich ist, teils wegen fehlender Absicht oder mangelnder Kunstfertigkeit des Graveurs, teils aber auch wegen mäßiger Erhaltung der Münzen.

Aus Aizanis stammt die wohl erste Prägung mit einem 'Syrischen Giebel' (sensu stricto) und zwar unter Domitian (RPC 1363) - wenn man von einem noch älteren (!) Münzbild aus Nikaia unter Claudius (RPC 2035 = BMC 13 = Price/Trell, Abb. 182 in Farbe S.15) mit dem Giebel als Bestandteil einer doppelstöckigen Fassade absieht. Nachweislich RPC erscheinen weitere derartige Prägungen, schon recht häufig, erst wieder unter Hadrian (zB erneut in Aizanis RPC 2505f; Aphrodisias RPC 2248, Nakrasa RPC 1808). Die in der Zwischenzeit unter Trajan in Caesarea ausgegebene Münze zeigt also, entgegen der Interpretation von Kadman (1962), keineswegs den ersten 'syrischen Giebel' auf einer Münze und darüberhinaus auch nicht einmal eine solche Giebelkonstruktion (****); ua deshalb sind auch weitere Rückschlüse von Kadman (s. kritische Notiz zu #a0318img) nicht stichhaltig - ebensowenig wie die von Kindler (1991, zB S.297) geäußerte Meinung, die 'neue' Tempelfassade sei im Zusammenhang mit Bar-Kochba als imperiales (polytheistisches) und provokatives Symbol gegen den monotheistischen Glauben der Juden eingeführt worden; dem steht die ebenfalls dichte Verbreitung des 'syrischen' Giebels oder Bogens im kleinasiatischen Raum entgegen.

Bis heute ist völlig unklar, warum generell Bogenkonstruktionen numismatisch häufig, aber archäologisch nur sehr vereinzelt (zB Ephesos Hadrians-Tempel, Hatra, Split Diokletians-Palast, alle als Gebäudefront) überliefert sind. Warum also sehen wir weit überpropotional mehr 'syrische Giebel' auf Münzen als es angesichts der spärlichen steinernen Relikte zu erwarten wäre? In Kürze seien einige Erklärungsversuche erwähnt, auch wenn sie jeweils nicht für alle (im Detail ggf. unterschiedlichen) derartigen Prägungen zutreffen (können):
- Die Häufigkeitsdiskrepanz wird gern damit erklärt, daß auf Münzen weniger die Außenansichten als vielmehr Bauelemente aus dem Tempelinnern gezeigt werden; diese können wohl auch als pars pro toto (des eigentlichen Tempels) verstanden werden. Das Argument dient oft auch der Deutung derjenigen Münzbilder, welche einen historischen Tempel mit nachgewiesenem klassischen Giebeldreieck in Gestalt eines Bauwerks mit gebogenem Architrav zeigen - ggf. sogar neben der historisch 'richtigen' Darstellung des Dreiecksgiebels. Der Gedanke ist von Tameanko am (mit Aizanis vergleichbaren) Beispiel des Tempels in Didyma/ Milet kurz zusammengefaßt (Celator, S. 27: "the barrel vaulted shrine called a 'naiksos' (!) located in the temple of Apollo"; s. auch Price/Trell, S.164: "aedicula"); solche 'Schreine' seien leicht durch ihre gedrehten Säulen zu identifizieren (ebda. S.25).
- Ebenso wird auch die Ansicht vertreten, daß die Münzen meist nur Klein- oder Kleinstheiligtümer ('Schreine'), auch im privaten Raum, repräsentieren, deren reale Vorbilder mit 'syrischem Giebel' häufiger waren als derartige Großbauten.
- Daß die numismatische Verwendung des Bogenmotivs nur eine Modeerscheinung (Konvention) gewesen sei (zB Drew-Bear, S.36), wird in einigen Regionen und in begrenzten Zeiträumen zutreffen, obwohl es dafür an entsprechenden literarischen oder anderen Belegen mangelt. Jedoch hätte dann die Darstellung eines zentralen städtischen oder sogar überregionalen Monumentes völlig beliebig sein können, das ist kaum vorstellbar (*****); im Gegenteil ist nicht selten das Bestreben zu erkennen, Charakteristika eines Monumentes im Münzbild anzudeuten, immerhin will der Tempel ggf. wiedererkannt werden.
- Die Erklärung, Bilder desselben Tempels mit klassischem bzw. mit 'syrischem 'Giebel' repräsentierten tatsächliche Neu- oder Umbauten (Kadman), ist wohl in fast allen Fällen widerlegt.

(*) vgl. die archäologisch gesicherten (bzw. rekonstruierten) Beispiele zB in Atil, Ephesos (Hadrians-Tempel), Hatra, Split (Diokletians-Palast). Manche Rekonstruktionszeichnungen könnten aber auch von Münzbildern beeinflußt sein!
(**) Der Typus ohne Schrägen ist auf Münzen nicht sehr häufig, an Tempelfronten (!) in natura mW überhaupt nicht zu finden (s. Notiz zu #a1022img), wohl aber an nicht dezidiert sakralen Bauten, zB Hadrians-Brunnen in Athen und Ehrenbogen in Anazarbos (dazu Abb. der Rekonstruktionen: Crema 8 und 11) oder private Anlagen wie in Tivoli); zu möglichen Gründen für das Auslassen der Giebelschrägen auf Münzen s. Notiz zu #a1021img.
(***) s.Überblick, aber nur teilweise Berücksichtigung der deutschsprachigen Literatur: Parada, 2012, S. 182-186).
Stellvertretend für viele nicht exakte Bezeichnungen sei der im Englischen meistgebrauchte Terminus "arcuated lintel" hervorgehoben. Der Begriff umfaßt genau genommen nur einen 'gebogenen Architrav' ohne Giebelschrägen im Sinne eines 'syrischen Bogens', der zwar ein ubiquitäres, auf Münzen aber seltenes Element darstellt; er umfaßt dagegen nicht den ('syrischen') Giebel mit Schrägen als Teil von Tempelfronten.
(****) bis heute regelmäßig fälschlich wiederholt, zB Tameanko (Celator, S. 26) oder Hefner (S.112), der mit Philippus sen. auch noch das Ende des 'syrischen Giebels' falsch terminiert. Auch eine weitere gelegentlich (zB Parada, S.196) beigebrachte trajanische Prägung aus Ankyra/ Gal. (RPC 2892) paßt nicht: es handelt sich, wie bei Abbildungen über Eck üblich, nur um eine distyle Front ohne Anzeichen für einen Architrav.
(*****) Einige Prägestätten scheinen diesbezüglich sehr konsequent gewesen zu sein; zB gibt es keine Bogendarstellung des ephesischen Artemisions, und selbst die Säulenzahl des 8- säuligen Tempels ist auf den Bronzemünzen weitgehend konstant (s. Notiz zu #a0819img).

Literatur:

Aulock, von H.: Zur Münzprägung von Aizanoi, in (ed.) R. Naumann, Der Zeustempel von Aizanoi, Berlin 1977, S.82-94, Tf.75-77
Parada López de Corselas, M.: En torno al "Entablamento Arcuado" y al "Fronton Sirio" en la arquitectura construida y la iconografía arquitectónica romana, OCNUS 20 (2012), S.181-212 (numismat.bes. S.195-199, auch nichtnumismatische Bibliographie)

Literatur, nicht numismatisch:
Brown, D.F.: The arcuated lintel and its symbolic interpretation in late antique art, AJA 46 (1942), S.389-939
Crema, L.: La formazione del "frontone siriaco", in (ed. G. Francovich) Scritti di storia dell'arte in onore di Mario Salmi, Bd I, Rom 1961, S.1-13
Hommel, P.: Giebel und Himmel, Istanbuler Mitteilungen 7 (1957), S.11-55
Hrnciarik, E.: Some remarks on Roman buildings with a "Syrian Arch", in (ed. ders.) Turkey through the eyes of classical archaeologists, Trnava 2014, S. 99-106
Parada López de Corselas, M.: The Arcuated Lintel and the 'Serlian Motif'. Imperial Identity, Architectural and Symbolic Interactions in Ancient Rome. In: SOMA 2012 (ed. L.Bombardieri et al.), BAR Intern. Ser. 2581 (2013), S.479-483
Raming, E.: Bogen und Gebälk. Untersuchungen zum Syrischen Bogen und verwandten Erscheinungsformen in der antiken Architektur. Diss. Univ. Freiburg 1999 (Mikrofiche 2009), non vidi

Dieses Werk bzw. Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert. Creative Commons License

Zuletzt geändert am: 2018-10-08 11:09:41