78 v.Chr.

4-säuliger Tempel auf einem Unterbau aus 3 gleichbreiten Stufen. Giebelschmuck, figürliche Akrotere, im Giebelfeld ein Blitzbündel. In den Interkolumnien sind die geschlossenen Türen zu der jeweiligen Cella der capitolinischen Trias (Jupiter, Juno, Minerva) erkennbar.

Weiteres Ex.(#a0158img), vgl. den Tempel als Hexastylos (#a0300img, Denar des Petillius Capitolinus).

Wohl die erste republikanische Architekturdarstellung in AR (Fuchs) - wenn man absieht von : Sydenham 463 (#a0113img: ionische Säule, Minucius Augurinus), Syd. 554 (#a0728img: drei Bögen, Aemilius Lepidus), Syd. 710 u. 711b (2-s. Tempel, Rubrius Dossenus), auch Syd. 716 (zwei Bögen, Marcius Censorinus).

Die Bauart der Treppe ist ikonographisch ein Zeichen für einen Podiums-Tempel, auch wenn hier die besonders charakteristischen Treppenwangen nicht geschnitten sind. Das Blitzbündel kennzeichnet den Jupiter-Tempel.

Die Prägung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als der alte 83 v.Chr. abgebrannte Tempel noch nicht wieder errichtet war. Möglicherweise besaß der frühere Tempel wirklich 4 Säulen in der Front, der neue hatte dann jedoch 6 Säulen (vgl. #a0300img; Sesterz des Vespasian ua). Deshalb könnte das vorliegende Stück als Reminiszenz (ua Hill, Tameanko) an den alten Tetrastylos (Prayon, S.320: "ein mehr oder weniger fiktiver Bau") oder als Idealbild (Fuchs, S.66) geprägt worden sein. Dabei ist zu beachten, daß es wohl noch strittig ist, ob die alten Tempel 4- oder 6-säulig waren, zumal es mehrere capitolinische Tempel in Rom gegeben haben soll.

Da der Abschluß der Wiedererrichtung mehrere Jahre nach der Prägung anzusetzen ist, kann natürlich ein exaktes Abbild des Neubaus nicht vorliegen. Das ist einer der Gründe, warum eine Reihe von Münzabbildungen als Darstellung von "projektierten Bauten" interpretiert werden. Unvollendetes ins Bild zu setzen, ist natürlich möglich und ggf. auch sinnvoll, beispielsweise im Sinne einer Vorschau. Damit sind aber einige Ungenauigkeiten im Detail, insbes. die unterschiedliche Anzahl der Säulen, nicht erklärt; immerhin ist anzunehmen, daß man sich im Vorfeld eines Bauprojektes selbstverständlich zB über die Anzahl der Säulen verbindlich verständigt hatte, außerdem war der Bau im Augenblick der Prägung schon fortgeschritten. Eine solche Diskrepanz zwischen dem 'Bauprospekt' in Form des Denars und den vom Bauzaun aus sichtbaren besonderen Baumerkmalen (Säulenzahl!) hätte den Zeitgenossen doch wohl verwundert. Gerade in der Funktion als Propagandamittel ist ja eine gewisse Wiedererkennbarkeit des Münzbildes wünschenswert. Prayon (ebda.) äußert selbst, daß auf der vorliegenden Münze "der Neubau nicht direkt gemeint sein kann". Insofern ist die Erinnerung an den zerstörten Tempel als Prägeanlaß durchaus einleuchtend; damit ist die Absicht, "den Neubau zu propagieren und durch Spenden zu fördern" (Prayon, ebda.), nicht ausgeschlossen.

Ganz generell möchte ich noch hinzufügen, daß zur Erklärung solcher unklaren Beispiele das altbekannte Argument, insbesondere hinsichtlich der Säulen, ausreicht: deren exakte Anzahl erschien dem Graveur oder Auftraggeber dann weitgehend zweitrangig, wenn die eigentliche Aussage unmißverständlich war - ganz unabhängig davon, ob der Bau nur 'projektiert' oder schon realisiert gewesen ist. Nicht die Säulenzahl, sondern der Blitz im Giebelfeld genügte dem zeitgenössischen Betrachter zur Identifikation als Tempel des Jupiter Capitolinus (doch war selbst dieses Symbol nach literarischen Zeugnissen nie ein Merkmal des realen Baus). Allerdings ist es immer wieder auffällig und letztlich nicht nachvollziehbar, wie beliebig mit den Argumenten umgegangen wird - bis in neuere Publikationen. So betont Hefner (S.23) die relativ freien Gestaltungsmöglichkeiten der Stempelschneider ("...spielt die Detailwiedergabe eine untergeordnete Rolle...", "Säulenzahl zweitrangig"), andererseits könne der Augustus-Tempel des Koinon Asiae (RPC 2219, hexastyl) nicht den Tempel in Ankyra wiedergeben, weil "der jedoch acht Frontsäulen hatte" (S.24); das dürfte kein Argument sein, weil der Graveur die Anzahl der Frontsäulen problemlos hätte reduzieren können.

Abgesehen davon ist es ja den Alten keinesfalls in den Sinn gekommen, 'Architekturmünzen' derart zu gestalten, daß in Zukunft niemand eine 'mangelhafte Realitätsnähe' (accuratesse, exactness etc.) der Münzbilder zu bemängeln, zu vermissen, zu beklagen hätte; kein Künstler hat daran gedacht, daß jemand einmal beabsichtigen werde, mittels der Münzbilder die Monumente aus Ruinen wiedererstehen zu lassen. Die Feststellung, daß Münzen zur Rekonstruktion von Bauten nicht (so Burnett/ buildings S.148) oder wenig geeignet seien, ist nicht neu und heute schon fast ein Allgemeinplatz. Dennoch wird diesbezüglich bis heute heftig diskutiert. Der teils apodiktische Duktus der Diskussion trägt aber kaum dazu bei, die erstaunliche Menge an Informationen unvoreingenommen zu erfassen.
Außerdem ist es zumindest fragwürdig, eine inschriftliche oder literarische Bestätigung der Münzaussage für deren Verwertbarkeit zu verlangen, da auch diese Zeugnisse aus vielen Gründen häufig nicht für bare Münze genommen werden können, sondern der Interpretation bedürfen. Erst recht ist die tatsächliche Existenz eines münzgeprägten Bauwerks primär nicht deshalb zu bezweifeln, weil es schriftlich nicht belegt ist.

Literatur:

Prayon, F.: Projektierte Bauten auf römischen Münzen, in 'Praestant Interna' (Festschrift für U.Hausmann), Tübingen 1982, S. 319-330, Tf. 71-2
Schiavi, L.: Evoluzione architettonica del tempio di Giove Capitolino nelle monete del periodo repubblicano, Bolletino Numismatico 1971, S. 4-13