4-säuliger wohl ionischer Tempel auf dreistufigem trapezförmigen Unterbau, Haupt- und Schräggesimse dreigeteilt, Epistyl und die Simae perlschnurartig, im Giebelfeld ein größeres rechteckiges leeres Fenster zwischen zwei gleichartigen, aber kleineren Fenstern. Im Tempel das Kultbild der Artemis Ephesia, ua mit angedeuteter Polymastie.

Vgl. Variante (#a0105img, Hadrian mit Backenbart, Pediment ohne Fenster).
Vs. stempelgleich: MFA (Rs. von geringfügig unterschiedlichem Stempel).
Nicht bei Karwiese.

Bekanntlich wurde, wie vorliegend, die Anzahl der Frontsäulen relativ willkürlich reduziert, aber wohl nicht erweitert. So wird der zur Römerzeit achtsäulige Artemis-Tempel mit 2, 4, 6 (ausnahmsweise) und 8 Säulen, nie aber dekastyl gezeichnet. Dagegen findet die Tatsache, daß auch die Stufenanzahl erheblich und regelmäßig verringert wird, in der Literatur kaum Erwähnung: das römische Artemision hatte in natura 13 Stufen ((zB auch Aizanoi: 11 Stufen), auf Münzen aber meist drei (und bis zu sechs).

Die Fenster im Giebelfeld (Ephesos #a0683img, #a0759img, #a0785img, #a0808img, #a0812img; so auch Laodikea #a0549img, Magnesia #a0633img, Heliopolis #a0650img, Perinthos #a0534img, oder auch Emisa #k2893, #k3702) verweisen vermutlich auf die Epiphanie der Göttin (diskutiert von Trell/ Study, S.347ff); auf größeren Münzen sind auch Gestalten in den Fenstern erkennbar. Die, wie auch immer geartete, mystisch-rituelle Funktion ist später an frühchristlichen bis zu spätmittelalterlichen Kirchenfassaden wiederzufinden.
Da solche Öffnungen überwiegend bei sehr großen Tempeln angebracht sind, soll alternativ eine bautechnische Intention ursächlich sein: Verbesserung der Statik durch Verringerung des Giebelgewichts (Trell, NNM 107, S.19f); dagegen sprechen Beispiele mit Tympana voller tonnenschwerer Skulpturen. Auch soll es sich um die radikal verkürzte, abstrahierte Darstellung von Altarszenen (Hefner, S.38 und S.53) handeln; ich kenne allerdings keine Münze, auf der ein Altar wie ein Rahmen und ohne jeden sonstigen Hinweis (zB Girlanden) dargestellt ist. Nach anderen Autoren (((Burrell, S. ) sollen die Öffnungen nur einem verbesserten Lichteinfall dienen; das ist natürlich nicht abwegig, wäre aber dann doch auch öfters an kleineren Tempeln und insgesamt häufiger auf Münzen zu erwarten.

Artemis Ephesia ist ein Assimilationsprodukt aus der griechischen (die Jägerin) und der anatolischen (die vielbrüstige Muttergottheit) Tradition. Beide sind mit den ihnen eigenen Attributen auf ephesischen Münzen dargestellt, die Jägerin mW jedoch nicht in einem Tempel.
Die Interpretation der kugeligen Gebilde als Mammae ("polymastos"), auch in Form eines Pektorale, ist strittig. Auch anatomische Feinheiten (mammae pendulantes, ohne Mammillen etc.) wurden ausgiebig erörtert (vgl. Fleischer, S.75ff). Darüberhinaus wurden Stierhoden (wie im Kybelekult), Datteln u. Eier als Symbole der Fruchtbarkeit, Berge/Hügel als Kennzeichen einer Berggottheit, und manch anderes (teils absonderliches) vorgeschlagen. Da aber das Epitheton "polymastos" regelmäßig in antiken Beschreibungen vorkommt, wird man schon damals eher nur an Brüste gedacht haben.
Artemis Ephesia (verschiedene römische Kopien im Nat. Museum Neapel, Kopie der farnesischen Artemis als Fontana dell' Organo in der Villa d'Este) erscheint, der Artemis von Perge vergleichbar, auch auf vielen Münzen einer ganzen Reihe von anderen Städten, speziell in Tempeln ua in Akrasos (#a0843img), Eumeneia (#a0779img, #a0825img), Magnesia ad M. (s. Notiz zu #a0633img, A. Leukophryene), Peltai (#a0879img).
Manche Städte hatten Teile des Staatsschatzes im Artemis-Tempel (((zum Tempel s. Anm. zu a ) deponiert.

Der Bau des ersten Tempels wurde von Kroisos finanziell unterstützt, wie eine Inschrift belegt («ΒΑΣΙΛΕΥΣ ΚΡΟΙΣΟΣ ΑΝΕΘΗΚΕΝ»). Das Privileg, seinen Namen inschriftlich gegen eine Spende für den Wiederaufbau (nach dem Brand) verewigen zu lassen, wurde Alexander dagegen von der Stadt listigerweise mit der Begründung verwehrt, ein Gott könne ja einer anderen Gottheit keinen Tempel bauen.
Handfeste Kommunalpolitik: Lysimachos erzwang die wegen Verlandung des Hafens erforderliche Umsiedlung der Stadt an den heutigen Platz, indem er kurzerhand nächtens während eines Platzregens alle Kanäle verstopfen ließ und damit die alte Stadt überschwemmte.
Im Rahmen des Mithridates-Aufstands im Jahr 88 wurden in Ionien, insbes. in Ephesos, wohl 80000 Römer gemeuchelt, die Strafe in Form von Brandschatzung folgte vier Jahre später durch Sulla.
((Heraklit.
Das jährliche Fest zu Ehren der Artemis fand am 15.Aug.statt - wie Mariens Himmelfahrt.

Literatur:

Friesinger, H. u. Krinzinger, F.(Hrsg.) 100 Jahre österreichische Forschungen in Ephesos: Akten des Symposions Wien 1995, 3 Bd., Wien 1999 (mehr. Artikel, bes. S. 597-603, 605-9, 611-5)
Fleischer, R.: Artemis von Ephesos und verwandte Kultstatuen aus Anatolien und Syrien, Leiden 1973
Hueber, F.: Ephesos. Gebaute Geschichte, Mainz 1997
Trell, B.L.: The Temple of Artemis at Ephesos, NNM 107, New York 1945
Trell, B.L.: A further study in architectura numismatica, in: Essays in memory of Karl Lehmann, New York 1964, S. 344-358