Portiko (nicht Tempel), mit seitlichen Flügeln, deren Stirnseiten durch jeweils 2 korinthische Säulen dargestellt sind und die durch einen Bogen verbunden erscheinen. Auf den Architraven jeweils ein nicht unmittelbar zu identifizierendes Objekt, die Säulen auf Postamenten (?). Der Bogen gibt den Blick frei auf eine Sockelstatue des Marsyas/Silen, der einen Weinschlauch trägt. Über dem Bogen ein Reiter auf einem Löwen nach rechts (oder eher Dionysos auf Panther? Bernhart, Tf.X,39).

Viele Varianten mit kleinen Unterschieden (ua #a0074img, #a0514img). Am ehesten Sawaya D333f/R716f (?).

Die Art der Darstellung ist gewöhnungsbedürftig (vgl. Trell, S.35f), aber doch ist die Komposition leicht zu lesen: die unklaren Bauteile auf den Epistylen befinden sich in natura nicht auf den Kolonnaden, sondern dahinter (vgl. Anm. zu #a0021img u.insbes. zu #a0628img); entweder überschneidet der Portiko zwei zinnenbestückte Türme (eine Variante läßt noch je einen Rundbogen (= Fenster?) erkennen, #k11126) oder er trägt zwei Altäre, die jedoch als eigentlich im Raum hinter dem Portal aufgestellt zu denken sind (so Trell, s.o.).
Der Bogen verbindet die beiden Flügel nicht in direkter Fortsetzung (wie zB #a0797img, #a0799img). Wenn man nämlich den flachen Bogen gedanklich zu einem Halbbogen verlängert, leuchtet ein, daß er von den Epistylen der Säulenpaare überschnitten wird; er muß dann einem weiteren, jedoch verborgenen Säulenpaar aufliegen, welches exakt von den mittleren Säulen im Vordergrund verdeckt wird. Das kann in der Bildsprache durchaus bedeuten, daß der Bogen den Ort im Hintergrund bezeichnet, an dem die Silenstatue steht, zB eine Nische oder einen kleinen (dann viersäuligen) Tempel. Der Betrachter hat also gewissermaßen den Durchblick in den rückwärtigen Teil des Komplexes; es kann sogar sein, daß die Statue mit Bogen an einem anderen beliebigen Ort in der Stadt stand und ihren Platz (auf der Münze), bedeutungsperspektivisch verständlich, aber realistisch gesehen unmöglich, mitten in einem Durchgang gefunden hat.

Zu dieser Methode s. ua (#a0059img, #a0430img).
Zur Bogenfront generell s. Notiz zu #a1022img.

Eine interessante Erklärung bot schon Liegle (S.220), der den Bau mit dem Hinweis auf das milesische Tor (!?) als Markttor interpretiert; darauf weise Marsyas als Symbol der "Marktfreiheit" hin.

Wenn auch die Silenstatue einen prall gefüllten Weinschlauch (askos) trägt und damit auf eine Verbindung zum Dionysos-Kult hinweist, scheint die Verbindung zu Marsyas (ein Silen, der nach dem Wettstreit mit Apoll geschunden, dh gehäutet, wurde) näher zu liegen. Seit alters stand nämlich auf dem Forum Romanum eine solche Statue, im Volksmund "Marsyas" genannt (vgl. Denar des M. Censorinus), die in der Kaiserzeit geradezu zum Symbol für römisches Bürgerrecht und zum Zeichen für die enge Verbundenheit mit Rom wurde (s. #a0707img, Alexandria/Troas).
Fast ausnahmslos war mit der Zuerkennung des Colonia - Status auch die Verleihung des Ius Italicum verbunden, was nicht zuletzt wegen des Privilegs der Freiheit von direkten Steuern (tributa capitis, soli) begehrt war. Daneben scheint auch das Recht zur Münzprägung für die "Colonia" konstituierend gewesen zu sein (s.Kindler, S.86). Der zeitweilige Entzug des Titels "Colonia" führte in Tyros numismatisch zum Ersatz des Marsyas durch eine Palme (vgl. #a0163img > #a0279img).

Literatur:

Kindler, A.: The Status of Cities in the Syro-Palestinian Area..., INJ 6-7/1982-3, S.79-87
Klimowsky, E.W.: Marsyas on Greek Imperial Coinage, INJ 6-7 (1982-3), S.88-101
Trell, B.L.: Architectura numismatica orientalis. A short guide to the numismatic formulae of Roman Syrian die-makers, NC 10 (1970)
Bernhart, M.: Dionysos und seine Familie auf griechischen Münzen, JNG 1 (1949), S.9-173