Zentral auf einer Bodenlinie erkennt man im Mittelpunkt der Ansicht einen Komplex in drei Etagen, nämlich basal offenbar ein längs liegendes geteiltes Rechteck, darüber ein schmaleres Postament (*) für eine überlebensgroße Pferde-Biga (bds. je eine zum Bildrand strebende Pferdeprotome! s.u.) mit Lenker, der auf einigen Varianten gut (zB vAulock), auf dem vorliegenden Ex. nur so eben sichtbar eine Strahlenkrone trägt. Von diesem Komplex ist eine aus zehn Lagen Quadern errichtete Mauer teilweise überdeckt, deren seitliche Begrenzungen möglicherweise von zwei Säulen gebildet werden. Beide Säulen, deren Basen, Trommeln und Kapitelle gut zu sehen sind, tragen je eine Figur, die mit ausgestrecktem Arm zur Bildmitte gewandt ist.
Die Mauer erscheint hier wie eine gerade Wand, welche die Säulen miteinander verbindet (so vAulock 1344). In Wirklichkeit, so ist es angesichts der früheren Prägung unter Commodus (vgl. die beiden stempelgleichen Rs. #a1015img und #a1016img, bis dato wohl unveröffentlicht) gut vorstellbar, handelt es sich entweder um ein Mauerhalbrund oder, wahrscheinlicher, um ein gerades Mauerstück mit viertelkreisförmigen 'Flügeln', die mit den Säulen schließen; mE versucht der Graveur dort diesen Eindruck dadurch zu erzeugen, daß er die aus versetzten Quadern errichtete Mauer von zwei schmalen senkrechten Linien durchschneiden läßt. Der Stempelschneider der vorliegenden Prägung hat dieses Bild im Gegensatz zu seinem Vorgänger offenbar nicht umsetzen können oder wollen.

Vs.: Büste mit Schild und Speer nach rechts.

Die Umschriften werden häufig falsch gelesen, weil sie meist 'verwildert' oder auch nur lückenhaft erhalten sind. Bei der vorliegenden Variante scheint mir aber die Vs.Legende wie oben angegeben gut zu lesen zu sein, und die Rs.Legende ist lediglich seitenverkehrt von unten rechts beginnend nach links zu verstehen (Colonia Gemella Julia Hadriana Pariana, s. Notiz zu #a0485img).

Abgesehen von einer kaum überschaubaren Anzahl minder wichtiger Rs.Stempelunterschiede scheinen unter Gallienus fünf deutlich differierende auf den Gespannlenker bezogene Haupttypen zu existieren:

a) Sol mit Strahlenkrone, Pferdebiga (durchgehend als Quadriga bezeichnet, s.o.), Legende seitenverkehrt u.linksläufig; zB #a0988img; bds. stempelgleich: vAulock 1344, Leypold 392.1, Aukt. G&M 199.595, CNG e350.343, #k05597
b) Kaiser (?) ohne Strahlenkrone, Biga wie a), zweite 'Etage' gerundet wie ein Baetyl, Legende ua mit zwei Anfangsbuchstaben "PA"; zB BMC 123, SNG Cop 308
c) Lenker einer Quadriga von vorn, sehr breites Postament; zB Price/Trell Abb.215 (Rs.) = BMC 124 (oh.Abb.), ANS 1970.142.332 (oh.Abb.)
d) (sehr fraglich) Parios inmitten Schlangen (-köpfen? so Price/Trell S. 117f), die 2. "Etage" aus gerundeten Steinen gemauert (Bossenquadern?), Legende linksläufig mit "PA"; zB SNG Cop 307, SNG France = BN 41767542 = Price/Trell Abb.214 (Rs.), gut erhalten #k10297.
e) Lenker nicht erkennbar, Pferdequadriga v.v. (Commodus #a1015img)

Trotz dieser Unterschiede handelt es sich unzweifelhaft um das Bild eines einzigen baulichen Komplexes.
Da aber alle Prägungen innerhalb kürzester Zeit (zZt des Commodus bzw. zZt des Gallienus) erschienen sind, stellt sich natürlich die Frage, wer dort wirklich verehrt wurde. Die Antwort - und das war nicht ungewöhnlich - kann eigentlich nur lauten, daß alle drei mit einem einzigen Kultbild, dessen damaliges Aussehen im Einzelnen ungewiß ist, gemeint waren. Die Sprache des Münzbildes erlaubt dagegen dank der unterschiedlichen Attribute eine Zuordnung zu den drei Identitäten; dabei mag sich deren Verehrung sogar in der oben angegebenen Reihenfolge entwickelt haben.

Die Deutung des Bogenmonuments (ua #a0485img) in der Zusammenschau mit dieser Rs. könnte zu den eindrucksvollsten Einblicken in die Darstellungsmethoden der antiken Stempelschneider gehören, prägnant von B.Trell in kurze Worte gefaßt: "Here the die-makers were probably the most adventuresome of ancient artists but not the most artistic. Some of them engraved but partially hid the altar behind a Roman arch (Pl.17,7). Fortunately for us, other die-makers eliminated the arch and showed only the shrine in its sacred court" (Trell/Tomb S.165).
Das ist zwar enthusiastisch, aber wohl nicht bedingungslos zutreffend formuliert. Die mE zT unzutreffende Interpretation der Münzbilder ist einesteils auf die für eine sichere Beurteilung nicht ausreichenden Reproduktionen (Schlangen? s.o. unter d) in den Standardwerken zurückzuführen (s. ausführliche Notiz zu #a0485img). Wichtiger ist die Tatsache, daß gleichzeitig unter Commodus der Bogenbau (als Triumphbogen) mit Elefantengespann, der Altarkomplex aber mit Pferdegespannen geprägt wurde; das neuliche Bekanntwerden der Commodus-Stempel läßt die früheren Interpretationen von Trell nicht mehr zu, ansonsten auf dem Bogenmonument (#a1033img) ua anstelle des Elefantengespanns die Pferde (des verdeckten Altarkomplexes) zu sehen sein müßten.

In der Antike war Parion für seinen monumentalen Altar, von Hermokreon gebaut, bekannt. Nach Strabo war er von einem großflächigen Temenos umgeben. Die Verbindung von Münzbild und literarischer Information sei verlockend, aber "Regrettably there is insufficient evidence" (Price/Trell S.118).

(*) "double piedestal" (? so SNG France)

Literatur:

Trell, B.L.: Tomb, Altar or Shrine? The Numismatic Evidence, in: Actes du 8ème Congrès Internationale de Numimatique 1973, Paris - Bale 1976, S.163-169, Tf.17-19